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Dass Ilja Dragunov nicht mehr Teil von WWE ist, steht seit Donnerstag fest. (HIER findet ihr die News) Seither haben mehrere Berichte das Bild deutlich verändert. Der jüngste stammt von Bryan Alvarez vom Wrestling Observer: Demnach verhandelten WWE und Dragunov noch im Juni ernsthaft über eine Rückkehr ins Fernsehen, zwei Monate vor dem Vertragsende. Was zwischen diesen Gesprächen und dem tatsächlichen Abgang passiert ist, berichtet bislang niemand. Alvarez selbst schränkt ein, den Ausgang nicht zu kennen.
Denn dass es überhaupt zur Trennung kam, ging offenbar nicht vom Unternehmen aus. False Finish berichtete, WWE hätte den 32-Jährigen gern gehalten, er selbst habe sich jedoch entschieden, den Vertrag auslaufen zu lassen. Mike Johnson von PWInsider hatte lediglich das Vertragsende und die interne Streichung aus dem Roster gemeldet. Fightful Select bestätigte diese Meldung und ergänzte, dass Dragunov in den vergangenen Monaten durchgehend weitertrainiert habe. Weder WWE noch Dragunov selbst haben sich bislang öffentlich geäußert; als erster prominenter Kollege reagierte AEW-Wrestler Kyle Fletcher, der ein Foto von einem gemeinsamen Match aus dem Jahr 2019 teilte.
Trifft die Darstellung zu, verschiebt sich die interessante Frage. Sie lautet dann nicht mehr, warum WWE einen Wrestler ziehen ließ, den Kollegen und Fans zu den besten Arbeitern der Branche zählen, sondern was einen solchen Wrestler dazu bringt, ein Angebot des größten Arbeitgebers der Branche auszuschlagen, nach Verhandlungen, die im Juni noch liefen.
Ein bis zwei Shirts und was daraus folgte
Die konkreteste Erklärung dafür lieferte das Team von WrestleVotes. JoeyVotes berichtete, Dragunovs Name sei in den kreativen Besprechungen wochenlang praktisch nicht mehr gefallen; als Priorität habe man ihn dort nicht gesehen. Als Grund führte er ausgerechnet dessen Merchandise an: Über seine gesamte WWE-Zeit hinweg seien lediglich ein bis zwei Shirts erschienen. Damit fehle schlicht die Grundlage, um zu messen, ob Fans bereit wären, Geld für ihn auszugeben. Co-Host TC ergänzte, das Unternehmen richte die Vergabe von Fernsehzeit inzwischen sehr stark an solchen Auswertungen aus; wer in den Zahlen schlecht dastehe, werde seltener eingesetzt.
Genau hier liegt der Haken. Welches Merchandise überhaupt produziert, beworben und im Shop platziert wird, entscheidet nicht der Wrestler, sondern das Unternehmen. Wer nie ein zweites Shirt bekommt, kann in dieser Kategorie auch nichts liefern und fällt anschließend in derselben Kategorie durch. Dasselbe gilt für Einschaltquoten und Klickzahlen: Wer keine Fernsehzeit bekommt, produziert keine Zahlen, und wer keine Zahlen produziert, bekommt keine Fernsehzeit. Belegen lässt sich nicht, dass Dragunov in dieser Schleife feststeckte, und es handelt sich bei den Aussagen von WrestleVotes um eine Einschätzung, nicht um einen bestätigten Bericht. Als Beschreibung der vergangenen vier Monate passt sie allerdings auffällig gut.
Was TKO über Daten und KI im eigenen Haus gesagt hat
Dass so gearbeitet wird, hat der Konzern in Teilen selbst eingeräumt. Bei einer internen Mitarbeiterversammlung Ende April, deren Audio POST Wrestling vorliegt, erklärte Mark Shapiro, Präsident und COO von TKO, dass Nick Khan und Triple H KI-Werkzeuge für die Storyline-Arbeit einsetzen. Ausgewertet werde, was beim Publikum ankommt, welche Superstars ankommen und in welchen Regionen sie ankommen; das helfe bei Inhalten, bei der Kreativarbeit, bei der Tourplanung und beim Umsatz. Shapiro bezeichnete KI als eine der obersten Prioritäten des Konzerns. Deutlich zurückhaltender klang in derselben Runde Finanzchef Andrew Schleimer, der von Tests und Pilotprojekten sprach und davon, dass sich der Einsatz bislang auf Publikumsanalysen und kleinere technische Verbesserungen beschränke. Zwei Führungskräfte, zwei Tonlagen – wie weit die Auswertungen in einzelne Booking-Entscheidungen hineinreichen, bleibt offen.
Zu messen gibt es jedenfalls ungleich mehr als früher. Über Netflix erhält WWE Erstanbieter-Daten zum Zuschauerverhalten, Nielsen hat seit Ende 2025 die Messmethode für lineares Fernsehen umgestellt, und die Merchandise-Umsätze kommen als dritte Größe hinzu. Dass solche Kennzahlen inzwischen auch außerhalb der Wrestling-Blase gelesen werden, zeigte sich im Juli: Nach einem Bericht von Dave Meltzer führte JP Morgan vor den Quartalszahlen ein nachlassendes Fan-Interesse als Risiko für TKO auf und senkte das Kursziel von 225 auf 222 US-Dollar. In einer Kolumne auf f4wonline wurde daran kritisiert, dass ein Modell, in das man Quotenverläufe und Verkaufszahlen kippt, um vermeintlich übersehene Zugpferde zu finden, immer nur so gut ist wie die Annahmen dahinter und dass der Schritt von der Analyse zur eigentlichen Kreativentscheidung ein kurzer ist.
Ein zweiter Vorgang läuft unterdessen nahezu parallel. Jordynne Grace hat ihr bislang letztes Fernsehmatch am selben 17. April bestritten wie Dragunov und ist seither ebenfalls praktisch verschwunden, obwohl sie weiter unter Vertrag steht. Die Begründung, die WrestleVotes dafür lieferte, ist allerdings eine andere und deutlich schlichtere: schlicht zu wenig Sendezeit. Seit SmackDown von drei auf zwei Stunden verkürzt wurde, fehlt der Platz, der zuvor für Wrestler jenseits der Hauptstorylines da war. Sean Ross Sapp ergänzte zum Fall von Grace und Giulia, dass beide auf SmackDown zu sehen wären, wenn Triple H oder TKO das wollten. Beide Mechaniken, weniger Sendeplätze und eine stärker an Zahlen ausgerichtete Vergabe der verbliebenen, führen zum selben Ergebnis, sind aber nicht dasselbe. Alvarez berichtet zudem, dass im Oktober weitere Verträge im Hauptroster auslaufen; Dragunov dürfte damit nicht der letzte Abgang dieses Jahres bleiben.
Offen bleibt schließlich, wie schnell er anderswo auftreten kann. WrestleTalk verweist darauf, dass eine Wettbewerbssperre üblicherweise nur bei vorzeitigen Freistellungen greift, wie zuletzt bei The New Day und Aleister Black, und bei einem regulär ausgelaufenen Vertrag deshalb nicht zu erwarten sei. Wrestling Inc hält dagegen fest, dass nicht bekannt ist, ob Dragunovs Vertrag eine entsprechende Klausel enthielt. Beides schließt sich nicht aus: Die übliche Praxis spricht dafür, dass er sofort einsatzbereit wäre, die konkreten Vertragsbedingungen kennt aber niemand außerhalb der beteiligten Parteien. Bis zu AEW All In im Londoner Wembley-Stadion sind es noch neun Tage und Spekulationen darüber gibt es reichlich, bestätigt ist davon nichts.
Was wiegt am Ende schwerer? Ein Modell, das messen kann, was bereits funktioniert, oder das Bauchgefühl, das erkennt, was funktionieren könnte?




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