AJ Styles: Wie ein Underdog zum Maßstab für modernes Main-Event-Wrestling wurde

05.04.26, von Thomas "Tommy" Windmann

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Miguel Discart, AJ Styles Apr 2018, bearbeitet, CC BY-SA 2.0

Anfänge: Vom Amateur-Champion zum „Mr. Olympia“

Allen Neal Jones, besser bekannt als AJ Styles, fand den Weg ins Wrestling über die klassischen Grundlagen. In Gainesville, Georgia, war er ein erfolgreicher Amateur-Wrestler und zweifacher State-Champion, ehe er über ein Sportstipendium an der Anderson University und den Kontakt zu Freunden erstmals ein professionelles Wrestling-Training aufnahm. 1998 debütierte er, ausgebildet von Rick Michaels, zunächst als maskierter „Mr. Olympia“ bei National Championship Wrestling, dem späteren NWA Wildside. Dort gewann er früh den Television Title und später die NWA Georgia Heavyweight Championship – ein erster Hinweis darauf, dass sich hier ein überdurchschnittliches Talent entwickelte.

Parallel dazu sammelte Styles in den späten 1990er- und frühen 2000er-Jahren Erfahrungen in diversen Independent-Promotions. Kurzzeitige Stationen bei World Championship Wrestling – unter anderem als Teil des Tag Teams „Air Raid“ – und mehrere Tryout- und Enhancement-Auftritte für die damalige World Wrestling Federation (WWF) folgten. Ein angebotenes Entwicklungsangebot der WWF lehnte er aus familiären Gründen ab. Stattdessen setzte er seine Laufbahn eigenständig fort, unter anderem bei All Pro Wrestling, Xcitement Wrestling Federation, World Wrestling All-Stars sowie im Turnierumfeld von ECWA und IWA Mid-South. Diese Phase legte die Basis für sein Profil als vielseitiger, beweglicher Wrestler, der sich in unterschiedlichen Stilen zurechtfindet.

Ring of Honor: Technische Klasse und Pure-Wrestling-Profil

Mit dem Start von Ring of Honor (ROH) 2002 etablierte sich AJ Styles rasch als feste Größe. Bereits früh rückte er in den Main Event-Bereich auf und prägte die junge Promotion mit stilprägenden Matches gegen Low Ki, Paul London, Bryan Danielson und Samoa Joe. Gemeinsam mit Amazing Red gewann er die ROH World Tag Team Championship und positionierte sich als verlässlicher Tag-Team-Wrestler, der gleichzeitig als Einzelwrestler überzeugte.

Besonders prägend war seine Rolle beim Aufbau des „Pure Wrestling“-Profils von ROH: Styles wurde 2004 erster ROH Pure Champion und stand für einen technisch geprägten Stil, der auf klare Regeln und Wrestling-Handwerk setzte. Eine langgezogene Fehde mit Jimmy Rave, inklusive des Streits um den Styles Clash, schärfte sein Profil als zentrales Gesicht der Promotion. Als Total Nonstop Action Wrestling (TNA) 2004 seine vertraglich gebundenen Talente von ROH abzog, endete diese erste Phase, doch Styles hatte sich im US-Indy-Bereich als einer der komplettesten Wrestler seiner Generation etabliert.

TNA/Impact: „Cornerstone“ und Aushängeschild der X-Division

Den Kern seiner frühen Mainstream-Karriere bildete TNA. Ab 2002 wurde AJ Styles dort zu jener Figur, die später häufig als „Eckpfeiler seit Gründung der Promotion“ beschrieben wurde. Zunächst prägte er die X-Division, in der Geschwindigkeit und Risikobereitschaft im Mittelpunkt standen. Styles war erster X-Division Champion, gewann den Titel insgesamt sechsmal und stand in mehreren prägenden Matcharten dieser Ära – von Ladder Matches über Ultimate-X-Matches bis hin zu Iron-Man-Duellen.

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Parallel dazu gelangen ihm früh Erfolge im Schwergewichtsbereich. Durch Siege über Jeff Jarrett und andere etablierte Namen sicherte er sich mehrfach die NWA World Heavyweight Championship, später den TNA World Heavyweight Title. Damit wurde er erster TNA Triple Crown Champion und später auch erster Grand-Slam-Champion der Promotion. Seine Vielseitigkeit zeigte sich in unterschiedlichen Konstellationen: im Tag Team mit Christopher Daniels, in Stables wie Fortune oder in Programmen an der Seite beziehungsweise im Gegenüber zu Kurt Angle, Sting, Samoa Joe und weiteren Top-Namen.

Die mittleren TNA-Jahre waren von wechselnden Rollen geprägt – vom X-Division-Aushängeschild über Tag-Team-Spezialist bis hin zum Main-Event-Heel im Umfeld von Ric Flair und der Gruppierung Fortune. Gleichzeitig nahm Styles an zahlreichen Gimmick-Matches teil, etwa Elevation-X-, Lethal-Lockdown- oder King-of-the-Mountain-Matches, was sein Profil als vielseitig einsetzbarer Wrestler weiter schärfte. In den letzten Jahren bei TNA stand er in zentralen Storylines, unter anderem als „Lone Wolf“ mit dunklerer Charakterzeichnung, gewann 2013 die Bound-for-Glory-Series und verließ die Promotion Ende 2013 nach gescheiterten Vertragsverhandlungen. Mit zwei TNA-World-Titelregentschaften, drei NWA-World-Titelgewinnen, sechs X-Division-Titeln und mehreren Tag-Team-Titeln gehörte er zu den am deutlichsten dekorierten Wrestlern in der Geschichte der Promotion.

Internationale Prägung: Mexiko, Japan und Großbritannien

Parallel zu TNA baute Styles seinen internationalen Ruf aus. Kooperationen führten ihn zu AAA in Mexiko, wo er im Rahmen von Team-Matches und Titelherausforderungen auf lokale Top-Namen traf. In Kooperation mit Inoki Genome Federation trat er in Japan an, ehe er ab 2014 fest zu New Japan Pro-Wrestling (NJPW) stieß.

In NJPW wurde er nach seinem Debüt bei Invasion Attack 2014 als neues Mitglied und später Anführer des Stables Bullet Club eingeführt. Bereits kurz darauf gewann er den IWGP Heavyweight Title und war damit einer der wenigen nicht-japanischen Wrestler, die diesen Titel hielten. Seine Titelregentschaften, unter anderem mit Verteidigungen bei den NJPW/ROH-Ko-Events, festigten ihn als global wahrgenommenen Main-Event-Wrestler. Matches gegen Kazuchika Okada, Hiroshi Tanahashi, Tetsuya Naito und Kota Ibushi unterstrichen, dass Styles auch im japanischen Puroresu-Umfeld als Vollathlet mit hoher Matchqualität funktioniert.

Gleichzeitig blieb er im britischen Markt präsent, insbesondere bei Revolution Pro Wrestling (RevPro), wo er den British Heavyweight Title gewann. Auftritte für Promotions wie CMLL in Mexiko oder Wrestle-1 in Japan erweiterten seine Präsenz in unterschiedlichen Märkten. In dieser Phase etablierte sich AJ Styles nicht nur als US-Topstar, sondern als international gefragter Wrestler, dessen Auftritte für zahlreiche Promotions auch außerhalb der großen US-Fernsehformate relevant waren.

Rückkehr in die US-Indyszene und zweiter ROH-Run

Nach dem Ende der TNA-Zeit kehrte Styles ab 2014 verstärkt auf die Independent-Bühne zurück. Er trat bei Promotions in den USA, Großbritannien und anderen Ländern an und fungierte häufig als „Special Attraction“ im Main Event. Parallel dazu kehrte er zu Ring of Honor zurück, wo er in den Jahren 2014 bis 2016 erneut wichtige Matches bestritt, unter anderem gegen Jay Lethal und Chris Hero, und sich noch einmal in den ROH-Titelkontext zurückmeldete. In dieser Phase war er gleichzeitig das zentrale Gesicht der Bullet-Club-Präsenz in ROH.

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Sein zweiter Independent-Run zeigte, dass er auch nach langen Jahren im TV-Geschäft in kleineren Häusern und Turnierformaten funktionierte. Gleichzeitig war diese Zeit ein Übergang: Mit dem Rückenwind aus NJPW, ROH und der internationalen Szene wuchs das Interesse der großen US-Marktführer erneut.

WWE-Einstieg: Späte Premiere auf der ganz großen Bühne

2016 vollzog AJ Styles den Schritt, den viele Beobachtende bereits Jahre zuvor erwartet hatten: den Einstieg bei der WWE. Nach Abschied aus NJPW und dem Ende des Bullet-Club-Kapitels dort debütierte er beim Royal Rumble 2016 im Rumble-Match und präsentierte sich sofort im oberen Bereich des Rosters. Es folgten Programme mit Chris Jericho, Roman Reigns und insbesondere John Cena.

Die Fehde mit Cena zwischen 2016 und 2017 bildete einen zentralen Abschnitt seiner frühen WWE-Zeit. Styles agierte dabei phasenweise als Heel, gewann beim Premium-Live-Event Money in the Bank gegen Cena (unter Einbindung von The Club) und setzte mit dem direkten Sieg bei SummerSlam 2016 ohne äußere Einmischung einen deutlichen sportlichen Akzent. Diese Serie an Matches wird bis heute als einer der Höhepunkte seines WWE-Einstiegs gewertet.

WWE-Champion und „Face That Runs the Place“

Wenig später rückte Styles in den Titelkontext vor. Im September 2016 gewann er bei Backlash die WWE Championship gegen Dean Ambrose und etablierte sich als Aushängeschild des SmackDown-Brand. In der Folge verteidigte er den Titel in Triple-Threat-Matches, TLC-Matches und weiteren Konstellationen, bevor er den Gürtel beim Royal Rumble 2017 an Cena verlor.

Eine zweite WWE-Titelregentschaft folgte 2017/2018. Dieses Mal gewann Styles den Titel in Manchester, womit er als erster von WWE anerkannter Champion gilt, der den Titel außerhalb Nordamerikas erringen konnte. Die zweite Regentschaft dauerte 371 Tage, womit Styles in die Gruppe der am längsten regierenden WWE-Champions aufstieg. Während dieser Zeit standen Fehden gegen Jinder Mahal, Kevin Owens und Sami Zayn sowie eine lange Rivalität mit Shinsuke Nakamura im Fokus, die über WrestleMania 34, Greatest Royal Rumble, Backlash und Money in the Bank hinweg in unterschiedlichen Matcharten ausgetragen wurde.

Parallel dazu sammelte Styles weitere Titel: Er gewann die United States Championship mehrfach, die Intercontinental Championship 2020 und später gemeinsam mit Omos die Raw Tag Team Championship. Er komplettierte damit sowohl in TNA/Impact als auch in WWE den Status als Grand-Slam-Champion und gehört zu den wenigen Aktiven, die in mehreren großen Promotions sowohl die World- als auch Sekundär- und Tag-Titel erringen konnten.

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The O.C., große Programme und späte Main-Event-Phase

In den Folgejahren blieb AJ Styles im oberen bis mittleren Main-Event-Bereich von WWE präsent. Er formierte mit Luke Gallows und Karl Anderson wiederholt Gruppierungen unter den Namen The Club beziehungsweise The O.C. und war damit eng mit der späteren Entwicklung von Stables wie The Judgment Day oder The Bloodline verwoben. Programme gegen Top-Namen wie Roman Reigns, Randy Orton, Seth Rollins oder Finn Bálor sowie eine späte, stilistisch ungewöhnliche Boneyard-Auseinandersetzung mit The Undertaker bei WrestleMania 36 hielten ihn kontinuierlich in prominenten Positionen.

Auch jenseits des Titelgeschehens prägte er Storylines rund um The Judgment Day, The Bloodline und weitere Fraktionen. Dabei wechselte er mehrfach zwischen Heel- und Face-Rolle, ohne dass die sportliche Ausrichtung seiner Matches wesentlich verändert wurde. Bemerkenswert ist die Konstanz, mit der Styles auch im fortgeschrittenen Karrierealter auf hohem Niveau Singles-Matches, Mehrfachmatches und Gimmick-Matches bestritt – bis hin zu weiteren hochbewerteten Begegnungen, etwa gegen Cody Rhodes 2024 bei Backlash in Frankreich.

Letzte Fehden, Karriereende und Übergang in die Mentorrolle

2024 und 2025 rückte das Karriereende von AJ Styles näher in den Vordergrund. Mehrere Programme gegen jüngere oder neu positionierte Größen – darunter LA Knight, Dominik Mysterio, Logan Paul, Cody Rhodes und Gunther – stellten ihn in die Rolle des erfahrenen Gegners, an dem sich die nächste Generation messen sollte. Gleichzeitig war er weiter in Titel- und Turnierkontexte eingebunden, etwa im Undisputed-WWE-Championship-Eliminator oder bei Intercontinental- und World-Tag-Team-Matches.

Den offiziellen Schlusspunkt seiner aktiven Laufbahn setzte Styles beim Royal Rumble 2026. In einer Fehde mit Gunther, in der es um sportliche Reputation und die Frage ging, wer im Spätstadium der Karriere noch große Siege erringen kann, setzte Styles seine Laufbahn im Rückmatch beim Royal Rumble 2026 aufs Spiel und verlor. Kurz darauf folgte bei Raw ein Abschiedssegment in der Nähe seines „Home Territory“, bei dem er Handschuhe und Jacke im Ring zurückließ. The Undertaker kündigte in diesem Rahmen seine Aufnahme in die WWE Hall of Fame, Class of 2026, an.

Im Anschluss schloss Styles einen neuen Vertrag mit WWE in nicht-wrestlerischer Funktion. Er trat eine Rolle als Talent-Scout und Mentor an, insbesondere mit Blick auf NXT und die internationale Talentsichtung. Damit schlug er den Bogen zurück zu den eigenen Anfängen: von der Independent-Szene über TNA und Japan bis hin zu einer nahezu drei Jahrzehnte umspannenden Karriere auf höchstem Niveau und der anschließenden Arbeit hinter den Kulissen.




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