
By IMPAULSIVE, CC BY 3.0, Link
The Prototype, The Doctor of Thuganomics, The Chain Gang Soldier, The Champ, Mr. Hustle Loyalty & Respect, The Greatest of all Times: John Cena hatte in seiner Karriere fast so viele Spitznamen wie er World Championships gewinnen konnte, doch eine Bezeichnung hat er sich ohne jede Frage verdient: Legende. John Cena ist sowohl im WWE-Universum als auch in der Popkultur der prägendste Wrestler des 21. Jahrhunderts, aber jede große Geschichte muss mit einem ersten Kapitel beginnen. Von „Ruthless Aggression!“ zu „You think you’re untouchable?“ über „The Champ is here!“ bis hin zu „I’m breaking up with you…“ prägte John Cena die Landschaft von WWE. Seine 23-jährige WWE-Karriere endet in diesem Jahr mit dem vielleicht größten Heelturn aller Zeiten. Aber um zu verstehen, was diese charakterliche Veränderung so besonders macht und welchen Stellenwert diese siebzehnte Regentschaft hätte, müssen wir uns mit der gesamten Geschichte des Anführers der Cenation beschäftigen. Wir stellen uns also die Frage: „Let’s Go Cena!“ oder „Cena sucks!“? Vor dem letzten WrestleMania-Match seiner illustren Karriere möchten wir, Sean „Cartman“ Neumann, Tobias „Tobi180“ Mehring und Stephan „PBC_BayBay“ Leven, euch auf eine vierteilige Zeitreise über die Höhen und Tiefen der vielleicht erfolgreichsten Wrestlingkarriere aller Zeiten mitnehmen.
Teil I: »Ruthless Aggression!«
Das Leben vor der Wrestling-Karriere:
Helmut Schmidt war Bundeskanzler, Deutschland war geschockt vom RAF-Terror und „Knowing Me, Knowing You“ von ABBA lief im Radio rauf und runter. Der 23. April 1977 war allerdings ein unauffälliger Tag in West Newbury, Massachusetts, USA. Das Wetter war wechselhaft. Mal schien die Sonne bei etwa 23 °C, zwischenzeitlich regnete es, aber es wirkte nicht so, dass es einen Grund geben könnte, dass dieser Tag jemals in die Geschichte eingehen würde. Für Carol (geborene Lupien) und John Cena Sr. war es aber ein ganz besonderer Tag. Sie begrüßten ihren zweiten von insgesamt fünf Söhnen auf dieser Welt und gaben ihm den Namen John Felix Anthony Cena Jr. Den Hang zum Pro-Wrestling wurde dem Säugling praktisch in die Wiege gelegt. Wenn John Cena Sr. nicht seinem regulären Job nachgegangen ist, trat er bei lokalen Wrestlingshows als Manager und Ringsprecher „Johnny Fabulous“ auf. Der kleine John hatte es während seiner Kindheit mit seinen vier Brüdern, Dan, Matt, Steve und Sean, nicht immer leicht, doch eines vereinte die fünf: die Leidenschaft fürs Wrestling. John Cena war bereits während seiner Kindheit ein riesiger Wrestlingfan und bastelte für sich und seine Brüder eigene Championships aus Pappe. Dabei entstand ein Bild, das jeder WWE-Fan der letzten 20 Jahre garantiert in einem Videopaket über den späteren World Champion bereits gesehen haben wird. Dementsprechend haben auch wir uns nicht lumpen lassen und es für euch eingefügt.

©WWE
Seine Schulzeit war aber ebenfalls nicht einfach. Nach eigenen Aussagen wurde er in der Schule gehänselt und gemobbt, aber die Härte seiner Schulzeit sollte ihn prägen und stärker machen. Im Alter von zwölf Jahren wünschte er sich seine erste eigene Hantelbank, die er auch bekam. Rückwirkend kann gesagt werden, dass das vielleicht die beste Entscheidung im Leben seiner Eltern war. Er schloss die High School ab und ging aufs College in Springfield, Massachusetts, wo Sport weiterhin sein Leben prägte. Neben dem Kraftsport spielte er American Football auf der Position des Centers und wurde sogar zum Kapitän seines Teams. 1999, im Alter von 22 Jahren, schloss er sein Studium mit einem Diplom in Sportphysiologie ab und widmete sich fortan dem Bodybuilding. Währenddessen hielt er sich mit diversen Nebenjobs über Wasser. Zu dieser Zeit, aber auch schon während seiner Kindheit, hatte der junge Erwachsene ein Vorbild: Hulk Hogan. Selbstverständlich wusste er zu diesem Zeitpunkt nicht, dass er eines Tages in diversen Aspekten in dessen Fußstapfen treten würde. Dominanter World Champion, geliebtes Babyface und ein Heelturn, der die Wrestlingwelt den Atem anhalten ließ. John Cena wechselte zum Pro-Wrestling, was der Startschuss für eine Karriere war, die der von Hulk Hogan die Stirn bieten konnte, doch der Weg dahin war noch lang.
Anfänge bei Ultimate Pro Wrestling (UPW) und Ohio Valley Wrestling (OVW) (1999-2002):
Bereits 1998 zog der ambitionierte Sportler nach Kalifornien, der Heimat des Gold’s Gym, doch dort verfolgte er nicht nur seine Karriere als Bodybuilder, er wrestlte auch seine ersten Matches. Es ist nicht genau dokumentiert, wann sein erstes „offizielles“ (wie auch immer man es genau definiert) Match war, da er zunächst auf Flohmärkten und Marktplätzen auftrat, aber seine erste Promotion war Ultimate Pro Wrestling (UPW). Cena nannte sich „The Prototype“ und verkörperte einen roboterähnlichen Charakter. Im April 2020 gewann er auch seine erste offizielle, nicht selbstgebastelte, Championship und hielt sie zumindest für 27 Tage. Die Company verließ er bereits März 2001 wieder, doch während seiner Zeit bei UPW machte er auch sein inoffizielles WWE/WWF-Debüt. Am 10. Oktober 2000 war WWF mit „SmackDown!“ zufällig in Los Angeles, Kalifornien, unterwegs und waren auf der Suche nach einem Rookie für ein Dark Match, sodass The Prototype aushelfen konnte. Selbstverständlich verlor er, aber das könnte ein entscheidender Schritt in seiner Karriere gewesen sein. Auch im Januar und März 2001 wurden ihm Dark Matches zugesichert, bei denen er anscheinend genug überzeugen konnte, dass ihm ein Nachwuchsvertrag angeboten wurde. So kam John Cena zur damaligen Talentschmiede von WWE, Ohio Valley Wrestling (OVW).
Die jüngeren Netflix-Zuschauer kennen OVW vielleicht von der Dokumentation auf dem Streamingdienst, aber wer 2001 hier vorbeigeschaut hat, konnte einige der größten Wrestler des 21. Jahrhunderts betrachten. Bei OVW war aber John Cena noch immer nicht John Cena. Auch hier trat er weiterhin als Prototype auf, aber noch interessanter als sein Name dürften die seiner Gegner gewesen sein. Was wie die WWE-Main Event-Szene aus den Jahren 2010-2012 klingt, war hier das Aufgebot der Nachwuchsliga. The Prototype musste sich in Matches gegen Randy Orton, Brock Lesnar, Mark Henry, Big Show, Batista, aber auch gegen Shelton Benjamin, Tommy Dreamer, A-Train/Tensai oder Frankie Kazarian beweisen. Die Jahrgänge waren derart talentiert, dass Cena später mit Randy Orton, Batista und Brock Lesnar zu den „OVW 4“, also den vier erfolgreichsten Wrestlern des 2002er-OVW-Jahrgangs, gehörte. Anscheinend machte der Rookie seine Sache nicht schlecht, denn auch hier konnte er recht schnell zwei Titel gewinnen. Zunächst gewann er an der Seite von Rico Constantino, der keine nennenswerte Karriere vorweisen kann, die OVW Tag Team Championship und im Februar 2002 sicherte er sich sogar die OVW Heavyweight Championship. Diese konnte er von Leviathan, also Batista, gewinnen, verlor sie aber nach etwa drei Monaten. Das war aber kein schlechtes Zeichen. Während seiner Zeit bei OVW kamen immer mehr Dark Matches bei „RAW“ und „SmackDown!“ bzw. Houseshows in seinen Terminplan. Am 25. Juni 2022, etwa einen Monat nach seinem Titelverlust, war es dann so weit. Ein gewisser Olympiagewinner stand im Ring und sprach eine Open Challenge aus. His Time was now, aber nicht die von The Prototype. Es war Zeit für John Cena.
»Ruthless Aggression!« (2002):
Vince McMahon, der damals selbstverständlich der Chef von WWE war, forderte in der Zeit nach der Attitude Era Wrestler, die mit ihrer Art aus der Masse herausstechen würden. Er forderte »Ruthless Aggression!« Passenderweise hatte WWE einen Nachwuchswrestler, der am Abend vor „WWE SmackDown“ während einer Houseshow ein Match gegen Albert und Christian bestritt und perfekt in diese Rolle passen würde. Dieser trägt aber mit „The Prototype“ einen komischen Namen, aber man könnte ihn auch unter seinem bürgerlichen Namen auftreten lassen, wenn man seinen zweiten und dritten Vornamen streicht. Wie wäre es mit John Cena? Am 25. Juni 2002 kam es zum Segment, das in der Retrospektive eine gesamte Ära prägen sollte. Es wird keinen Zusammenschnitt der 2000er-Jahre bei WWE geben, in denen diese zwei Worte nicht aus John Cenas Mund kommen. Jeder von euch weiß, was in den folgenden Sätzen stehen wird. Kurt Angle stand mit Vince McMahon im Ring und sprach eine Open Challenge aus, die von John Cena, der auch wirklich John Cena hieß, beantwortet wurde, der noch ohne Cap, Schweißbänder oder Shorts herauskam und weit weg von Hustle, Loyalty and Respect war. Zu einer ungewöhnlichen Musik lief Cena in den Ring und stellte sich vor. Auf die Frage, welche Qualität er besäße, die ihn von den anderen abheben würde, kam es zur legendären Szene: »Ruthless Aggression!« Er setzte den ersten Schlag und sein Debüt im Main Roster konnte beginnen.
Das Match war recht kurz, aber gar nicht schlecht. Cena konnte einige Aktionen zeigen und bekam mehrere Nearfalls. Am Ende musste er sich nach knapp sechs Minuten geschlagen geben und das auch „nur“ nach einem Chicken Wing-Einroller. Er hat sich gut geschlagen und konnte sich gegen den Heel Kurt Angle als sympathisches junges Babyface zeigen. Was man im Nachhinein hört, soll er für sein Debüt von einigen großen Wrestlern viel Lob erhalten haben und auch danach ging der Weg nach oben. An der Seite vom Undertaker konnte er gegen Chris Jericho & Kurt Angle gewinnen und bei „WWE Vengeance 2002“ konnte er bei seinem PPV-Debüt sogar in einem Singles Match erneut Chris Jericho bezwingen, doch danach geriet die Karriere ins Stocken. Er trat zwar noch regelmäßig in den Shows auf, aber die Siege wurden seltener. Dazu kam, dass er Probleme hatte, wirklich over zu kommen. Für ein Turnier um die WWE Tag Team Championship bildete er mit Billy Kidman ein Team, doch sie flogen in der ersten Runde gegen Kurt Angle & Chris Benoit raus. Daraufhin folgte ein Moment, den viele vielleicht vergessen haben, denn es kam zum ersten Heelturn von John Cena. WWE wollte mit dem Talent etwas Neues ausprobieren, sodass er seinen Partner angriff. Beide konnten im TV jeweils einen Sieg erringen und so schaffte es John Cena erneut auf eine PPV-Matchcard. Bei „WWE Rebellion 2002“ kam es zu einem Mixed Tag Team Match zwischen John Cena & Dawn Marie und Billy Kidman & Torrie Wilson, doch erneut verlor der junge John Cena.
Im Herbst 2002 sah es wirklich schlecht für ihn aus, sodass ihm sogar gesagt wurde, dass er bald seine letzten Matches haben wird, da er nie richtig beim WWE-Publikum angekommen ist. Seine Beliebtheit schwand, der Heelturn funktionierte nicht und so wurde ihm mitgeteilt, dass er um Weihnachten entlassen wird. Cena akzeptierte die Entscheidung, da er den Fehler nicht bei WWE, sondern bei sich selbst war. Bei den anderen der „OVW 4“ schien es besser zu laufen. Brock Lesnar war bereits King of the Ring und konnte von The Rock die Undisputed WWE World Heavyweight Championship gewinnen. Randy Orton trat mit Batista Evolution bei, sodass sie zukünftig an der Seite von Triple H sowie Ric Flair standen. Cena konnte mit seinen Nachwuchskollegen nicht mithalten. Auf seinem letzten Roadtrip, so ist es überliefert, hat er Rikishi und Rey Mysterio freestylen gehört und stieg mit ein. Zufälligerweise lauschte Stephanie McMahon den Rapkünsten und war beeindruckt. Sie schlug ihm vor, dass er das im Ring machen könnte. John Cena sah darin eine letzte Chance und ohne jede Frage ergriff er sie. Er stimmte zu und bekam bei der Halloween-Ausgabe von „WWE RAW“ die letzte Möglichkeit, das Ruder herumzureißen.
John Cena wurde zum Rapper, zum „Doctor of Thuganomics“, zum Rebell. Er baute in seine Finisher das „F-Wort“ ein (STFU oder F-U). Er lebte das „Word Life“. Wie er damit seine Karriere in die richtige Richtung lenken konnte, könnt ihr am nächsten Sonntag nachlesen, wenn wir zum zweiten Teil des John Cena-Specials kommen.
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3 Antworten auf „»Ruthless Aggression!« John Cenas unfassbare Erfolgsgeschichte: Vom möglichen Flop zum Greatest of all Times *John Cena-Special I* (mit Videos von alten Matches)“
GOAT – Und ich mochte ihn nie.
Erst jetzt zoll ich ihm den Respekt für seine Karriere 🙏
@SCSA…ich muss mich hier als großer Cena-Fan outen. Ich mochte ihn von Anfang an und habe immer sein großes Engagement sowohl innerhalb als auch außerhalb von WWE bewundert. Zudem hat er auch versucht, sich etwas weiterzuentwickeln (sage nur Huracanrana). Im Vergleich mit einem Hulk Hogan hatte er in allen Bereichen (Promo-Skills und wrestlerisch) die Nase vorne. Das die Fans bei ihm zwiegespalten waren, lag halt an diesem „Über-Mensch-Booking“, welches in den 90ern bei einem Hogan noch akzeptiert wurde, aber ab den 0er Jahren von vielen Fans nicht mehr akzeptiert wurde, so dass es halt zwei Fraktionen von Fans bei ihm gab. Ch erinnere mich noch, dass ich 2010 oder 2011 auf der Gamescom bei einer Autogrammstunde von The Miz (veranstaltet von 2K) war und fast alle Cena sucks riefen…ich mich aber nicht daran beteiligt habe.