Perlen des Wrestlings #1: „Bret screwed Bret.“ oder der Montreal Screwjob

28.06.20, von David "VidDaP" Parke

In einer neuen Kategorie wollen wir euch in unregelmäßig erscheinenden Artikeln die größten Skandale, Ereignisse und Matches der Wrestling-Geschichte vorstellen. In Teil 1 beschäftigen wir uns mit dem vielleicht bekanntesten Skandal – dem Montreal Screwjob.

Die Ausgangslage:

Im Oktober 1996 hatte Bret Hart ein gut datiertes Angebot der Wrestlingliga WCW vorliegen, welches das der damaligen WWF (inzwischen WWE) weit in den Schatten stellte. Eric Bischoff, agierend für WCW, bot Hart einen weniger vollen Kalender, mehr Geld und die Chance, ein Filmstar zu werden. Vince McMahon (WWF) dagegen bot ihm einen Spitzenplatz in seiner Liga und wortwörtlich ein Leben lang Teil der WWF zu sein. So bot McMahon Bret Hart den inzwischen legendären 20-Jahres-Vertrag an. Drei Jahre davon sollte er aktiv im Ring stehen (zu je 1,5 Mio. $/Jahr), bevor er dann verantwortlich für das Booking sein sollte (zu deutlich geringeren Bezügen). Diesen Vertrag unterschrieb Hart letztlich auch unter der Annahme, bis zum Karriereende in drei Jahren das Top-Babyface zu sein.

Ein halbes Jahr später aber war es mit dem Babyface allerdings vorbei. McMahon bat Bret Hart, die Rolle des Heels zu übernehmen. Hart weigerte sich zunächst, McMahon zählte ihm dann aber die Gegner auf, die für ihn in der jeweiligen Rolle in Frage kämen. Unter der Voraussetzung, in den letzten Monaten seiner Karriere nochmals zum Face zu turnen, akzeptierte Hart dann – die Gegner, die er als Heel haben könnte, waren einfach attraktiver. So kam es dann zum Double-Turn von ihm und Stone Cold Steve Austin bei WrestleMania 13, Bret Hart wurde in seiner Rolle zum Anti-Amerikaner – so konnte er nämlich in Kanada weiter ein Babyface sein.

Im September 1997 kam Vince McMahon auf Bret Hart zu, um über dessen Vertrag zu sprechen. Die Liga war in großen finanziellen Schwierigkeiten und wollte Harts jetzigen Vertrag kürzen und das ausstehende Geld später zahlen, wenn es der Liga wieder besser gehen würde. Hart lehnte dies ab. Im weiteren Verlauf schlug McMahon eine Fehde zwischen Shawn Michaels und Bret Hart vor. Dies sah letzterer kritisch, da die beiden aufgrund einer Aussage Michaels bei RAW größere Konflikte hatten. Diese Aussage deutete eine Affäre zwischen Hart und Sunny an (ironischerweise hatte Michaels selbst diese Affäre, die sogar über neun Monate angehalten haben soll). Die Folge sollen sogar eine Backstage-Prügelei und ein Ehekrach im Hause Hart gewesen sein. Michaels hatte in Bezug auf Fehde mit Bret übrigens (und vor diesem Hintergrund wenig überraschend) ebenfalls Bedenken.

Später im Monat eröffnete Vince Bret, dass die WWF seinen Vertrag auflösen würde, da man sich das Gehalt einfach nicht leisten könne. Er riet dem Hitman, den bestmöglichen Deal bei WCW anzunehmen. Also kontaktierte Bret Hart Eric Bischoff. Eine alte persönliche Fehde zwischen Michaels und Bret Hart flammte zeitgleich wieder auf, und bei den Gesprächen stellte Michaels wiederholt klar, dass er in keinem Fall bereit sei, Bret Hart over zu bringen. McMahon schlug vor, dass Bret Hart seinen Titel in Montreal an Michaels verlieren, ihn aber später wiedergewinnen sollte. Da Hart den Titel keinesfalls in Kanada verlieren wollte, erinnerte er Vince an HBKs Worte, auf keinen Fall gegen ihn verlieren zu wollen. Auch nachdem Michaels letztlich einwilligte, sich von Bret besiegen zu lassen, stimmte Hart einem Titelverlust in Kanada nicht zu. Die Fehde begann dennoch und es wurde verabredet, die jeweiligen Familien aus Promos und Interviews herauszuhalten. Es dauerte aber nur eine Woche, bis Michaels über Stu Hart (den Vater von Bret) herzog.

Ende Oktober hatte sich die finanzielle Situation der WWF wieder gebessert und Vince eröffnete Hart, dass man ihm alles versprochene Geld zahlen könne. Bret, dessen Klausel zur Vertragsauflösung am 1.11. um Mitternacht ablief, bekam am 31.10. ein Angebot von Eric Bischoff über kolportierte 3 Millionen US-$ pro Jahr. Nun musste er also innerhalb eines Tages eine Entscheidung treffen. So rief er dann Vince McMahon an und berichtete von dem Angebot der WCW. Er wollte nicht mehr Geld, aber wissen, wie seine Rolle in den nächsten Jahren in der WWF aussehen würde. McMahon bat um Bedenkzeit und rief ihn später zurück, er solle ihm vertrauen, er habe aber keine konkreten Pläne. Er habe Bret zu einem Superstar gemacht und dieser solle doch eine Richtung vorschlagen. Wieder war es allerdings Vince, der die Pläne ins Spiel brachte, dass Hart den Titel in Kanada verlieren und später in den USA zurückgewinnen sollte. McMahon bot dem Hitman ferner an, die Bedenkzeit zu verlängern. Hart verlangte eine schriftliche Zusicherung, diese konnte ihm Vince aber nicht geben, da er mit seiner Familie ins Kino ging. Um 19 Uhr rief Eric Bischoff noch mal an und hatte das Angebot nachgebessert. Bret Hart sagte, „es wäre Wahnsinn gewesen [das Angebot] nicht anzunehmen.“ Zwei Stunden später und drei Stunden vor dem Verfall der Klausel rief McMahon an mit einem Szenario, mit welchem er Bret wohl eher in Richtung des WCW-Vertrags drücken wollte. So bot er ihm eine Liste an großen Matches, von denen er nur eins hätte gewinnen, vier aber verlieren sollten (Dave Meltzer schrieb damals davon, dass Hart die Kontrolle über seinen Charakter verloren habe und Vince McMahon, wohl sehr empfänglich für Shawn Michaels Ratschläge, Hart mit seinen Vorschlägen aus der Liga dränge). Also informierte Bret beide Ligen darüber, dass er das Vertragsangebot der WCW annehmen würde. Alle Parteien unterschrieben einen Vertrag, dass die Unterschrift bis zum 10. November nicht bekannt gegeben würde, um seinen Auftritt bei Survivor Series zu schützen.

Mit endlich wieder freien Köpfen ging es nun also um Bret Harts WWF World Heavyweight Championship Match bei der Sries. Erneut schlug McMahon vor, den Titel an Michaels wechseln zu lassen. Auch der Begriff des Screwjobs kam auf, er bot Hart sogar an, ihn bei der folgenden Raw-Ausgabe zu attackieren, um den Screwjob real aussehen zu lassen. Hart jedoch blieb stur und wollte weder Sonntag beim PPV, noch bei RAW am Montag verlieren, denn beide Events waren in Kanada. Er stimmte aber zu, den Titel bei einem Event am 15.11. in Springfield oder irgendeinem anderen Ort in den USA zu verlieren. Es heißt, dass McMahon nun Hart geradezu bedroht haben soll, doch dieser hatte eine „reasonable creative control“-Klausel in seinem Vertrag, mit der er verhindern konnte, zum Abschied begraben zu werden. Eine Diskussion darüber, wie unverhältnismäßig ein Titelverlust Brets sei, flammte auf. Am Ende einigte man sich auf ein DQ-Ende in Montreal und einen Sieg Michaels in Springfield. Bei einer RAW-Ausgabe im Dezember sollte Bret dann sein abschließendes Interview geben und als Babyface die Liga verlassen, dabei sollte er McMahon und die WWF noch mal ordentlich over bringen. Da Harts WCW-Vertrag am 1.12. beginnen sollte, brauchte man aber die Zustimmung von Eric Bischoff, die auch erfolgte.

Zwei Tage später rief Vince McMahon Bret Hart an und sagte, dass er seine Meinung geändert habe. Michaels sollte clean in Montreal verlieren und den Titel in einem kontroversen Ende in Springfield gewinnen. Michaels stimmte dem Szenario zu. Zeitgleich kamen in der Presse Gerüchte über einen Wechsel Harts zur WCW auf. Das veranlasste Vince dazu, die Pläne nochmals vollkommen über den Haufen zu werfen. Er wollte nicht riskieren, dass Bischoff den amtierenden WWF World Heavyweight Champion als Neuzugang ankündigen konnte. Hart wollte Bischoff dazu bringen, die Ankündigung um eine Woche zu verschieben, erreichte diesen aber nicht, da er wohl auf einem Jagdausflug war. So wollte Vince nun, dass Hart den Titel bei einer Houseshow vor Survivor Series verlor, was dieser aber ablehnte. Zu dieser Zeit bekamen Vince McMahon und Shawn Michaels in der Öffentlichkeit viel Kritik ab, was McMahon zu einer öffentlichen Antwort bewegte:

„Über die letzten Tage habe ich im Internet viele Kommentare über Bret Hart und seine vermeintlichen Gründe zum Verlassen der World Wrestling Federation gelesen. Während ich die ‚Meinungen‘ anderer respektiere, möchte ich ein paar Dinge klarstellen. […] angeblich ist Bret Hart unzufrieden mit der Richtung, die World Wrestling Federation einschlägt. Da fühle ich mich sehr angegriffen. Wir beleidigen das Publikum im Sports Entertainment nicht mehr mit den Begriffen „Baby Faces“ und „Heels“. Wer im richtigen Leben ist denn nur gut oder böse? […] Superstars werden in Graustufen abgebildet, nicht in Weiß oder Schwarz. Bret Hart soll besorgt sein über die Moral – fragwürdige Sprache, fragwürdige Gesten, fragwürdige sexuelle Dinge, fragwürdige Rassendinge. Fragwürdig? Damit muss jeder Mensch jeden Tag klarkommen. Auch Hart wurde für seine Sprache und Gesten mehrfach verwarnt. Das sollte man auch bedenken. Brets Entscheidung, andere Karrierezweige einzuschlagen, halt also NICHTS mit Shawn Michaels [und dessen Rolle] zu tun. […] Und zur Ausrichtung? Ihr, die Fans, bestimmt die Ausrichtung. […] Ich als Besitzer habe die Verantwortung, euch das zu geben, was ihr wollt!“

Diese Aussagen brachten McMahon aber eher weitere Spannungen, denn man konnte nicht so recht erkennen, wie das Produkt durch Rassen-Storylines intelligenter erscheint oder wie die Fans die Richtung vorgeben, in der Michaels mit heruntergelassener Hose im Fernsehen auf und ab springt. Hart verschlimmerte dies bei einem Auftritt bei TSN (kanadische Version von ESPN) noch, bei der er die Ausrichtung der WWF in Frage stellte und dafür auch Shawn Michaels Promos als Beispiele nutzte. Dieser hatte neben den Kommentaren über Harts Vater Stu zum Beispiel Bret als „Grand Wizard“ bezeichnet, eine Anspielung auf den Ku-Klux-Klan. Er kritisiere damit aber ausdrücklich nicht HBK, sondern die Ausrichtung der WWF.
Am 8. November, am Rande einer House-Show in Detroit (Bret Harts letztes Match in den USA für die WWF) trat Bret an seinen langjährigen Freund Earl Hebner heran, der als Schiedsrichter angestellt war. Er eröffnete diesem, seinen Einfluss geltend zu machen, um Hebner als Referee für sein Match gegen Michaels zu bekommen. Dieser versicherte ihm, er „schwört bei seinen Kindern, dass [er] eher seinen Job verliert, als [Bret] zu hintergehen“. Gleichzeitig hatte McMahon ein Meeting mit Jim Ross, Jim Cornette, Pat Patterson und Shawn Michaels, welches die Protagonisten mit ernsten Mienen verließen.

Der große Tag ist da:

Der 9. November 1997. Survivor Series. Seit Jahren wurde keinem Wrestlingmatch so entgegengefiebert wie diesem. Und das Ende des Matches ist am Tage der Show immer noch nicht besprochen. Also Treffen sich nachmittags Vince McMahon und Bret Hart. Hart hat nur eine Forderung – das Gebäude mit erhobenem Kopf zu verlassen. „Lass mich dir den Gürtel bei Raw geben (am nächsten Abend in Ottawa). Ich möchte die Geschichte am Montag präsentieren.“ Dabei versprach Bret Vince, dass er niemanden schlecht dastehen ließe. Die beiden kamen überein und schüttelten sich die Hände. Michaels und Hart besprachen ihr Match und kamen überein, dass es ein DQ-Finish nach ca. 17 Minuten geben sollte. Pat Patterson schlug einen Niederschlag des Schiedsrichters vor, nachdem Michaels Hart in den Sharpshooter nehmen sollte. Hart würde den Griff kontern, aber da Hebner noch nicht wieder bei Sinnen wäre, würde niemand Michaels Tap-Out sehen. Hart sollte Hebner wieder auf die Beine helfen, danach Michaels seine Sweet Chin Music landen. Mike Chioda, ein zweiter Referee, sollte zum Ring kommen und bis Zwei zählen, bevor Bret auskicken sollte. Nach fünf weiteren Near-Fall-Minuten käme es dann zur DQ kommen.

Vor dem Start der Show kamen Vader und Davey Boy Smith zu Bret und warnten ihn, aufzupassen, bei Eins statt Zwei auszukicken und sich nicht in Submission-Holds nehmen zu lassen. Hart hatte da aber nicht die ganz großen Bedenken, da er ja mit Earl Hebner einen Freund als Ringrichter hatte.

Das Match und der Verrat:

20.000 Fans im vollgepackten Molson Center waren gespannt auf das Match. McMahon war nicht unter der Kommentatoren, Hart hielt keine Promo vor dem Match. Michaels erstickte alle Kritiken an Hart für dessen Abgang zur WCW im Keim, indem er sich in eine kanadische Flagge schnäuzte und sich damit den Hintern abwischte. Das Match begann als Brawl im und außerhalb des Rings, auch im Zuschauerbereich. Das Publikum war so aufgeheizt, dass zwischendurch der Eindruck entstand, Michaels könnte in Gefahr sein, attackiert zu werden. Man streckte Booker und Refs nieder, alles wie geplant, und man war sich sicher, dass das Match mit 100%iger Professionalität über die Bühne gehen würde. Einzig das Ende wurde gespannt erwartet. Aber dann trugen sich auf einmal einige merkwürdige Dinge zu – es waren viele Leute um den Ring, auf einmal auch Vince McMahon, der sehr hektisch wirkte. Acht Minuten vor Ende der Show beorderte Bruce Prichard in der Gorilla-Position zusätzliche Security zum Ring, und das, nachdem der Brawl im Zuschauerbereich geendet hatte. Als Hart einen Move vom Top Rope zeigen wollte, zog Michaels Hebner als Schutzschild vor sich, Hart streckte ihn wie geplant nieder. Michaels blickte zu Vince und nahm Hart in den Sharpshooter, alles wie abgesprochen. Und dann kam „der“ Verrat der Wrestlinggeschichte: Chioda, der zweite Referee, wartete backstage auf sein Zeichen zum Auftritt und hörte, wie Hebner die Ansage bekam, aufzustehen. Dieser kam der Aufforderung sofort nach, Chioda rief, dass er doch noch nicht aufstehen sollte. Owen Hart und Davey Boy Smith, welche nach Absprachen auch zum Ring rennen sollten (für das DQ-Ende), waren ebenfalls verdutzt. Prichard rastete backstage aus, weil hier Dinge passierten, die nicht passieren sollten. Bret, der nichts ahnte, wollte noch einige Sekunden warten, bevor er den Move konterte. Michaels blickte zu Hebner und wieder weg (viele Experten sahen darin ein Zeichen, dass Michaels in den Verrat involviert war), bot Bret dann aber sein Bein zum Konter. Hebner rief zum Timekeeper „Ring the Bell“. Gleichzeitig rammte McMahon diesem den Ellbogen in die Seite und schrie „ring the fucking bell“. Als Bret Shawns Bein zum Konter packte, klingelte die Ringglocke schließlich. Michaels fiel hin. Sofort war HBKs Musik zu hören, er wurde auch direkt als Gewinner und neuer Champion angekündigt. Hebner rannte aus dem Ring, durch die Umkleidekabine und direkt in ein mit laufendem Motor wartendes Auto, welches ihn sofort in die USA brachte (er arbeitete nicht bei den RAW Tapings, die am Tag danach in Kanada stattfanden). Micheals und Hart sprangen beide auf und starrten McMahon an, Bret Hart spuckte in das Gesicht von Vince. Die Kamera wurde nun auf Michaels gerichtet, welcher von McMahon die Ansage bekam den „fucking belt“ doch endlich zu nehmen und „get the fuck out of here“. Michaels schaute immer noch wütend und bekam die Ansage, den Gürtel hochzuhalten und backstage zu gehen. Die Show ging vier Minuten früher als geplant off air.

Die Offiziellen verließen den Ring auf der Stelle, McMahon schloss sich mit Patterson und ein paar anderen in seinem Büro ein. Hart rastete im Ring aus und zerstörte WWF-Material, bis Owen Hart, Smith und Neidhart ihn beruhigen konnten und nach hinten begleiteten. Hart bedankte sich schließlich bei den Fans und malte ein WCW in die Luft, was für überraschend lauten Jubel sorgte. Backstage suchte er die Konfrontation mit Michaels, welcher schwor, nicht eingeweiht gewesen zu sein und genauso wütend über das Ende zu sein wie Bret. Er hätten den Gürtel nicht so gewinnen wollen und sei angewidert von den Geschehnissen. Um das zu beweisen würde er in der nächsten Nacht weder den Titel zeigen noch etwas Schlechtes über Hart bei Raw sagen. Alle Wrestler waren sauer auf Vince – wenn jemand wie Hart, der 14 Jahre hart gearbeitet hatte, McMahon viel Geld eingebracht hatte und nie verletzt ausgefallen war, so verraten wurde, wie könnte man ihm da jemals wieder trauen? Der Undertaker klopfte an die verschlossene Tür. Als Vince schließlich öffnete, sagte der Taker, dass eine Entschuldigung fällig wäre. McMahon ging also in Harts Umkleide, wo Bret ihm mitteilte, dass er ihn nicht sehen wolle. Vince, mit Shane, Sgt. Slaughter und Brisco im Schlepptau, kam dennoch herein. Vince gab an, dass er es nicht riskieren konnte, Hart als Champion zur WCW ziehen zu lassen. Hart antwortete, dass er ja grundsätzlich bereit war, den Titel zu verlieren, nur nicht in Kanada. Wenn Vince noch da sei, wenn er abgetrocknet und angezogen ist, würde er ihn mit allen Mitteln aus der Umkleide werfen. Begriffe wie „Lügner“ und „Stück Scheiße“ fielen. Bret beklagte sich darüber, nach 14 Jahren so behandelt zu werden. Als McMahon sich zu verteidigen versuchte und sagte, dies sei die erste Lüge in 14 Jahren gewesen, konnte Hart alleine 15 im vergangenen Jahr aufzählen. Die Anwesenden müssen sehr erstaunt gewesen sein, dass McMahon keine der Lügen entschärfen konnte und die Anschuldigung so hinnahm. Als Hart angezogen war, brach ein Brawl aus, ähnlich einem Wrestlingmatch. Bret schlug Vince mit einem Kinnhaken, „der ein Nilpferd umgehauen hätte“ (andere Quellen sprachen von einem Uppercut). McMahon versuchte aufzustehen, aber die Beine verweigerten ihm den Dienst. Hart brach sich dabei beinahe die Hand. Shane und Brisco halfen Vince schließlich hinaus.

Der Nachklang:

Hebner gab auf Nachfrage an, er habe nichts von alldem gewusst und sei so sauer, dass er es in Erwägung ziehe, zu kündigen. Patterson, Michaels und Prichard gaben ebenfalls an, nichts gewusst zu haben. Bei allem Abstreiten, zumindest die Leute in der Produktion müssen Bescheid gewusst haben, denn die Show ging vier Minuten früher off air, Harts Gesicht beim Sharpshooter war nicht zu sehen und HBKs Musik spielte sofort. Der Ringsprecher wusste ebenfalls definitiv Bescheid, da die Ankündigung des neuen Champions auch wie aus der Pistole geschossen kamen. Das Schlimmste aus Sicht von Bret Hart war, dass sein vermeintlicher Freund Earl Hebner mittendrin steckte – dieser gab nämlich zuerst das Kommando „Ring the Bell“. Aufgrund der Bedeutung des Matches und des Interesses der Öffentlichkeit glaubten viele Leute zunächst, dass dies eine richtig gut geschriebene Storyline sei – in den frühen Morgenstunden war aber klar, was passiert war. 95% der Wrestler wollten aufgrund dessen die RAW-Tapings boykottieren, Hart überzeugte sie aber, dies nicht zu tun, da die meisten von ihnen Familien zu ernähren hätten. Owen Hart, Smith, Neidhart und Mick Foley flogen dennoch sofort nach Hause. McMahon sagte, dass Hart zugestimmt hätte, den Titel in Montreal abzugeben, aber kurz vor der Show plötzlich seine Meinung geändert habe und als kanadischer Held, als Idol, den Titel dort nicht verlieren wollte. Der Kader der WWF wusste inzwischen aber, dass Hart eher durch Vince aus der WWF gedrängt wurde.

In der folgenden RAW-Ausgabe eröffnete Shawn Michaels – und natürlich hatte er den Gürtel dabei. Redete er über Bret Hart? Natürlich. Er sagte, dass er ihn in dessen Land geschlagen habe. Mit seinem eigenen Haltegriff, dem Sharp Shooter. Deshalb sei Bret Hart zu all den Dinosauriern aus der WWF geflüchtet. McMahon tauchte in der Show nicht auf und der Kampf backstage wurde nicht erwähnt, bis Michaels Hart dafür verspottete, einen 52-jährigen geschlagen zu haben. Wenn man sich die entsprechende RAW-Episode heute anschaut, wird ein zweiteiliges Interview McMahons gezeigt, in dem er jede Verantwortung, Bret betrogen zu haben, ablehnt und stattdessen die berühmten Worte „Bret screwed Bret“ aussprach.

Seitdem tauchte Bret Hart aber doch schon einige Male wieder in der WWE auf, so wurde er 2006 in die Hall of Fame aufgenommen, bei WrestleMania 26 traf er in einem Match auf Vince McMahon und auch mit Shawn Michaels sprach er sich in einer RAW-Ausgabe aus. So kann man sicher davon sprechen, dass sie beide Seiten zumindest wieder angenähert haben und Bret Hart dem Chairman der heutigen WWE verziehen hat:

„Wir haben ein gutes Verhältnis. Ich kann nicht für ihn sprechen, aber ich denke, es ist schon echte Vergebung, auch wenn ich nie ganz darüber hinwegkommen werde. Es ist ein Teil von mir, der Vince vergibt, denn ich liebe das, was ich für die Firma getan habe, ich bin stolz auf meine Karriere, meine Matches. Ich könnte mir nicht mehr wünschen als das, was ich erreicht habe.“

Zudem wurde aufgrund der kurzen Laufzeit seines Vertrages bei der WCW (nur drei Jahre) immer wieder spekuliert, dass man die Story nach den drei Jahren bei einer Rückkehr zur WWF noch einmal aufnehmen wollte und nur das vorzeitige Karriereende Brets diesem Plan im Wege stand. So konnte man auch den ultimativen Bösewicht Vince McMahon installieren, welcher perfekt in die „Attitude Era“ passte (die ja schlussendlich den Sieg im Quotenkrieg mit der WCW brachte). Das hätte aber beinhaltet, dass auch Bret Hart in den dann vermeintlichen Betrug involviert gewesen wäre.

Ich hoffe, euch gefällt die neue Kategorie. Schreibt doch Themen und/oder Vorfälle, über die ihr gerne mehr erfahren würdet, in die Kommentare!

Und sonst diskutiert gerne mit mir im Forum.

Quellen: Wrestling Observer, Dave Meltzer, cagematch.net, WWE Confidential, Sports Illustrated, talksport.com, Broken Skull Sessions (WWE Network).

 




15 Antworten auf „Perlen des Wrestlings #1: „Bret screwed Bret.“ oder der Montreal Screwjob“

Crunkballer sagt:

Liest sich toll, gerne mehr davon !!

David sagt:

Wirklich toller Artikel, großes Lob!

Als Skandal fällt mir jetzt spontan der Umgang der WWF mit dem Unfall und den Tod Owen Harts während des Over the Edge PPVs ein. Man könnte da vllt auch mal darauf blicken wieso man einen der besten Wrestler des Planeten in so ein dämliches Gimmick gesteckt hat was am Ende diesen Stunt erst möglich gemacht hat.

zerebrat 108 sagt:

einen artikel über den steroid-skandal fänd ich gut 🙂

Rasgarius sagt:

Es fehlten ein paar kleine Details aber alles in allem gut zusammengefasst. Gerne Mehr

Martin Rankl sagt:

👍🏻
TOP!
Bitte mehr davon!

LRL sagt:

Sehr informativ. War da nicht noch was das Vince Angst hatte das Bret den Titel mit zur wcw nimmt und wie madu

LRL sagt:

Madusa in den Müll schmeissen könnte. Sorry doppelpost Handy spinnt

Kvlt sagt:

Wow, man hat ja wirklich schon vieles darüber gehört und gelesen und gesehen, aber so detailliert (glaube ich) nicht.

„Später im Monat eröffnete Vince Bret, dass die WWF seinen Vertrag auflösen würde, da man sich das Gehalt einfach nicht leisten könne. Er riet dem Hitman, den bestmöglichen Deal bei WCW anzunehmen.“

Hier stellt sich die Frage, ob dass (einer) der Auslöser für Vince`s heutiges Verhalten, möglichst jeden aufzukaufen um ih / sie nicht an eine andere (größere) Liga zu verlieren, gewesen ist.

Erstaunlich finde ich wie oft Vinnie allein in diesem ganzen Szenario seine Meinung geändert hat usw. Da hat doch ein Satz wie: „Während ich die ‚Meinungen‘ anderer respektiere…“ absolut keine Bedeutung mehr (Vinnie scheint sich ja generell gerne selbst zu belügen, der Preis scheint auch egal zu sein).

Allgemein aber auch ziemlich verwirrend was dann während des Matches noch so alles passierte. Ich denke Bret Hart war auch ein wenig zu blauäugig, er hätte vielleicht doch auf Davey Boy Smith und Vader hören und vorsichtiger sein sollen.

Bravestarr sagt:

Sehr gut geschrieben, vielen Dank erst mal. Es passt genau so wie man Vince „kennt“ ich war damals geschockt. Bret Hart war mein absoluter Lieblings Wrestler, fand den heel Turn schrecklich damals. Hat nicht gepasst für mich.
Das Bild von Vince ist definitiv kein gutes zumal er zwei Jahre später großen Anteil an dem Tod von Owen hatte!

David Bauer sagt:

Über den Montreal Screwjob gibt’s auch eine interessante Doku.

Weiss nicht mehr wo ich die gesehen habe.. Netflix oder Prime. Ist auf jedenfall sehenswert dank Interviews und Szenen aus besagtem Match.

holger pögl sagt:

Sehr gut geschriebene Kolumne und mit einigen Hintergrund-Informationen, die ich bislang noch nicht kannte. Ich konnte das Match damals live per Sky Sports verfolgen und war nach dem unerwarteten, schockierenden Ende leiser Hoffnung, es handele sich vielleicht doch um eine Storyline, glaubte es aber nicht wirklich, da ich schon vorher durch Insider informiert worden war, dass Bret die WWF definitiv in Richtung WCW verlassen würde.
Widerlich in mehrerlei Hinsicht fand ich dann den durch einen kleinwüchsigen Menschen dargestellten Bret Hart in der RAW-Sendung vom 24. November.

PS: Ich wäre nicht der Klugscheißer, der ich bin, wenn ich nicht darauf hinwiese, dass es sich nicht um ein „gut datiertes“, sondern um ein gut dotiertes Angebot handelte.

Moinsen sagt:

@David Bauer

Auf prime die heißt Wrestling With Shadows.

Sollte man sich mal angeschaut haben.

Raider Dave sagt:

Eine toller Artikel!! Sowas würde ich sehr gerne weiter verflogen. Danke für die Unterhaltung

Geddie sagt:

Hab Wrestling with Shadows schon öfter gesehen. Ist natürlich alles nur sehr einseitig aus Brets Sicht (was nicht zwangsweise heißen soll, dass es falsche Infos gibt).

Fande ich trotzdem super interessant. Zeigt vor allem den schmalen Grat zwischen Naivität und Dankbarkeit/Loyalität, den Bret da an den Tag gelegt hat.
Der Konkurrenzkampf mit der WCW hat anscheinend das wahre Gesicht von Vince rauskommen lassen, das Bret aber über 10 Jahre lang vorher so nicht kannte, weil die WCW damals noch nicht der ernsthafte Konkurrent war

Eugenixx sagt:

Interessante neue Kolumne. Danke an den Verfasser, nochmals gut aufgezeigt das ganze Drama. Ich persönlich würde den Montreal screwjob aber nicht als Perle des Wrestling’s bezeichnen, wenn es mit einer Schlägerei backstage mit dem Boss endet. Das ist eher Kategorie „Blut-Diamant“. Ach egal
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