WrestleMania ohne Mania Week: Ausblick in die Zukunft – Wie geht es mit Independent-Ligen wie Game Changer Wrestling weiter?

03.04.20, von Marvin "Nexus 3D" Weyer

Einleitung

Die gesamte Welt und unsere alltäglichen Abläufe stehen Kopf – Kurzarbeit, Home-Office, viel Arbeit und keine Zeit zum Durchatmen, auch von Kündigungen sind etliche Menschen betroffen. Noch vor wenigen Wochen war das Virus für uns kaum greifbar, auch die „wenigen“ Fälle in Deutschland wurden unterschätzt, sodass die Wrestling-Welt und die massiven Planungen für die WrestleMania-Woche auf Hochtouren liefen.

Nun haben wir den Freitag, den 03. April 2020. Traditionell befindet die WrestleMania-Woche an diesem bereits auf Hochtouren, die größeren Shows der Independent-Ligen finden statt und auch WrestleCon veranstaltet seit mehreren Jahren bereits ab dem gestrigen Tag. In diesem Jahr ist es bekanntlich anders, die Ringe sind nicht aufgebaut und Tampa, Florida ist nicht von internationalen Wrestling-Fans überflutet, im Gegenteil.

In den vergangenen Wochen haben wir ausführlich über die Pläne von World Wrestling Entertainment und All Elite Wrestling berichtet – das TV Programm wird ohne Zuschauer fortgeführt, da sich beide Ligen auch in der privilegierten Situation befinden auf eine „hauseigene“ Halle bzw. Arena zurückgreifen zu können. Anders sieht es mit den Indie-Ligen aus, die von dieser dramatischen Lage vor dem Scherben ihrer eigenen Existenz stehen. Keine Unsummen am Geld, die im Hintergrund stehen oder anderweitige Einnahmen, die ein dauerhaftes Fortbestehen sichern.

 

Game Changer Wrestling

Eine Hauptattraktion des berüchtigten WrestleMania-Wochenendes lautet Game Changer Wrestling und ihre einzigartigen, cineastischen Wrestling-Shows, die sie bereits seit mehreren Jahren aufgebaut haben. Die Tatsache, dass die Liga es schafft, eine Vielzahl an Wrestling-Stilen zu vereinen und gewissermaßen eine „Gemischtwarentüte“ an Wrestler aus allen Generationen darzustellen und gegenüberzustellen, gleicht einem Wunder mit etlichen Traumpaarungen, die höchstens in den kühnsten Träumen möglich gewesen wären. Gleichzeitig werden stetig neue Talente in den Vordergrund gestellt und Wrestler*innen die Möglichkeit geboten, auf einer größeren Bühne der*die nächste Star zu werden. Auch hier sind den Phantasien keine Grenzen gesetzt, von einem verurteilten Bankräuber, der die Liebe von vielen Fans zum Wrestling reaktivierte bis hin zu einem jungen, aufstrebenden (aber armen) Wrestler, der die Wut von Jim Cornette & Co. in beachtlicher Weise auf sich gezogen hat. Im Fokus der Liga steht die alljährliche Show von Joey Janela, „Joey Janela’s Spring Break“, die trotz seines Festvertrages bei All Elite Wrestling stattgefunden hätte und er vertraglich geregelt hat, dass er für seine frühere Heimatliga weiterhin in den Ring steigen darf. Ein Aushängeschild der Liga, international renommiert und mit Paarungen wie Orange Cassidy vs. Minoru Suzuki, Tony Deppen vs. Alex Shelley oder dem berühmten Clusterfuck Match, in dem Wrestler*innen aus verschiedensten Generationen angetreten wären. Unter anderem Missy Hyatt, Chinsuke Nakamura, Jurassic Express, Will Ospreay und viele weitere Wrestler waren für die Show gebookt. Doch neben „Joey Janela’s Spring Break“ gehört auch „Josh Barnett’s Bloodsport“ zu den wichtigsten Shows von Game Changer Wrestling – da es auch eine andere Klientel bedient und den Kampfsportaspekt von Pro-Wrestling in den Vordergrund stellt. Es geht um Technik, um Stärke, um verschiedene Stile und Realismus. Fast schont tragisch ist trifft es allen voran die Paarung Josh Barnett vs. Jon Moxley, die bereits im vergangenen Jahr im September stattfinden sollte. Damals gelang es nicht, da Moxley sich eine Verletzung zuzog und dementsprechend von der Card gestrichen wurde. Nun war es Zeit, die Paarung zu wiederholen. Doch auch Minoru Suzuki sollte in die Arena von Bloodsport zurückkehren und gegen einen der besten Independent-Wrestler der Welt, Chris Dickinson, antreten. Einzigartige Paarungen, überraschende Line-Ups, ein Muster, welches sich durch die gesamten Shows der Liga zieht.

Doch Game Changer Wrestling repräsentiert noch mehr als innovative Shows und herausragende Matches, die Liga hat sich in den letzten Jahren zu einem wahren Aushängeschild der nordamerikanischen Independent-Szene gemausert. Erstmals wäre das Thema Repräsentation verschiedener Minderheiten in den Vordergrund gestellt worden, innerhalb und außerhalb des Ringes. Die Repräsentation innerhalb der Liga gehört schon lange zur Normalität, Themen und Repräsentation von homosexuellen Wrestler*innen oder People of Color werden vorangetrieben. Nichtsdestotrotz bedarf das Thema eine Besprechung von betroffenen Personen, dessen Diskurs in der Vergangenheit meist von den falschen Leuten geführt worden ist bzw. von Menschen geleitet wurde, deren Betroffenheit nur indirekt nachzuvollziehen war. Daher hat man eine „Podiumsdiskussion“ ins Leben gerufen, die meist im thematischen Zusammenhang mit einer Wrestling-Show begleitet worden wäre. „Wrestling with Stereotypes“ hätte die Repräsentation afroamerikanischer Zuschauer*innen und Wrestler*innen und anderen Minderheiten mit verschiedenen Gästen besprochen, während die Show „Fort he Culture“ von Independent-Wrestler AJ Gray ausgerichtet worden wäre, der die Show geplant und gebookt hat. Die Belebung wichtiger Diskussionen und die Diskursbesprechung von Menschen, die von den jeweiligen Themen direkt betroffen sind, während die Themen organisch auch im Ring umgesetzt werden, dies ist auch heutzutage eine Seltenheit im Pro-Wrestling. Den gleichen Weg hat EFFY eingeschlagen, der seine eigene Show „EFFY’s Big Gay Brunch“ veranstaltet hätte und primär viele homo- und bisexuelle Wrestler*innen eingeladen hatte, obgleich auch heterosexuelle Wrestler*innen mit von der Partie gewesen wären. Unter anderem sollte auch die In-Ring Rückkehr von der ehemaligen WWE-Diva Ariane Andre, auch bekannt als Cameron, stattfinden. Sie wäre gegen Jamie Senegal in den Ring gestiegen. EFFY enthüllte kürzlich übrigens das geplante Main Event, ursprünglich sollte EFFY nämlich gegen David Starr in den Ring steigen. Insgesamt waren in den Tagen vom 02. April bis zum 04. April 23 Veranstaltungen geplant, die nun allesamt ausfallen müssen.

Wie geht Game Changer Wrestling nun mit dieser Krisensituation um? Zunächst einmal wurde allen Fans, die sich Tickets für die Veranstaltungen geholt hatten, eine Rückerstattung angeboten. Die Tatsache, dass es sich auch bei GCW um eine Independent-Liga handelt und das WM-Wochenende für viele das lukrativste und ertragreichste Geschäft im Jahr ist, hat auch Brett Lauderdale, Promoter von GCW, um Nachsicht bei den Fans gebeten. Diejenigen, die auf eine Rückerstattung verzichten können, helfen der Promotion damit erst einmal ihre Rechnungen zu bezahlen und Planungen für die ungewisse Zukunft zu ermöglichen.

Und die Promotion lässt den Kopf definitiv nicht hängen, im Gegenteil! Die Verfügbarkeit von Game Changer Wrestling ist mit einer neuen Partnerschaft deutlich gestiegen. Während die Promotion bisher nur auf FITE (Live-Stream, On-Demand) und Smart Mark Video (On-Demand, DVD/Blu-ray) zu verfolgen gewesen ist, hat man sich nun dem Streaming-Portal „Independent Wrestling TV“ (IWTV) angeschlossen, die fortan wohl die Shows live ausstrahlen werden und die Bibliothek der Shows stetig erweitern. Bisher sind 12 Shows verfügbar, darunter auch die erste Auflage von „Joey Janela’s Spring Break“ aus dem Jahre 2017. Außerdem hat die Promotion am 20. und 21. März den „Acid Cup“ wiederbelebt und zwei Shows veranstaltet, um die Wrestler*innen zu unterstützen, die von den zahlreichen Ausfällen ebenfalls finanziell betroffen sind. Bei den Shows kommt es unter anderem zu einem „Social Distancing Match“ zwischen Joey Janela und Jimmy Lloyd. Des Weiteren haben Brett Lauderdale, EFFY und Joey Janela bereits über Twitter verlauten lassen, dass die „Collective-Shows“ zu einem späteren Zeitpunkt auf jeden Fall nachgeholt werden sollen. Ob dies im Sommer bereits möglich ist, ist indes natürlich noch unklar. Die Promotion ist auf jeden Fall darauf bedacht, im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten, weiterhin Shows zu veranstalten, auch wenn dies im Moment nicht möglich ist.

 

WrestleCon

Sprechen wir über einen weiteren, großen Eckpfeiler des WrestleMania-Wochenendes. WrestleCon, vor einigen Jahren als kleine Nebenveranstaltung zu WrestleMania angefangen, hat sich die „Messe“ in den vergangenen Jahren zu einem großen Aushängeschild gemausert und gilt als Pionier des „WM-Wochenendes“, so wie wir es heute kennen. Das Hauptaugenmerk liegt bei den Veranstaltern weiter auf Meet & Greets mit Wrestlern aus allen möglichen Generationen. Von aktuellen Stars aus der Independent-Szene bis hin zu großen Legenden aus der damaligen World Wrestling Federation oder World Championship Wrestling. Es gibt kaum ein*e Wrestler*in, die sich bei WrestleCon bisher noch nicht die Ehre gegeben hat. Zusätzlich veranstaltet WrestleCon in Zusammenarbeit mit „Highspots“ eigene Shows, in diesem Jahr waren unter anderem „WrestleCon: World Wide“, „Mark Hitchcock Memorial Supershow“ oder „Joey Ryan’s Penis Party“ geplant, die ebenso wie GCW, mit hochkarätigen Line-Ups aufgefahren sind. Während die Shows aufgrund rechtlicher Unklarheiten nicht sofort abgesagt werden konnten, glänzte Michael Schoepfer, der Kopf hinter WrestleCon, mit lückenloser Transparenz, sodass die Fans zu jedem Zeitpunkt über den aktuellen Status ihrer Pläne/Karten und dem Geld informiert waren.

Für diese Shows gibt es insofern aber leider kein Happy End. Nachdem die rechtlichen Unklarheiten auf Seite geschaffen worden sind und WrestleCon nicht auf den Hallenmieten sitzen geblieben ist, wurde die Show offiziell abgesagt und eine Wiederholung zu einem späteren Zeitpunkt ist nicht geplant, da das Event traditionell auch immer an WrestleMania gebunden gewesen ist. Daher wird die nächste „WrestleCon“ erst im kommenden Jahr in Los Angeles stattfinden.

Doch Trübsal wird trotzdem nicht geblasen, denn Highspots fährt im Zuge dessen mit einem Großaufgebot an herausragenden Interviews und dokumentarischen Content auf. In den letzten Wochen sind zahlreiche Interview-Formate veröffentlicht worden, darunter mit The North (Ethan Page & Josh Alexander), Josh Barnett und Jonathan Gresham, Willie Mack und Mad Man Pondo.

 

Black Label Pro und weitere Independent-Ligen

Natürlich gibt es noch zahlreiche weitere Shows, die für diese Woche in Tampa, Florida geplant gewesen sind. Promotions wie Black Label Pro, Glory Pro, die deutsche Liga westside Xtreme wrestling, Impact Wrestling und viele weitere Ligen hatten einzigartige und hochkarätige Talente verpflichtet, um eine spannende Show auf die Beine zu stellen.

Mal abgesehen von Impact Wrestling, die durch den TV-Vertrag bei AXS TV finanziell abgesichert sind und finanzielle Mittel im Hintergrund haben, geht es für die meisten Promotions derzeit buchstäblich ums Überleben. Wie bereits erwähnt, insbesondere die Shows am WrestleMania-Wochenende bedeuten für viele Veranstalter*innen hohe finanzielle Investitionen und dementsprechende erwartbare Umsätze. Obgleich vieles über Rückerstattungen geregelt wird, Einnahmen bleiben trotzdem aus und bestimmte Kosten lassen sich nicht mehr erstatten. Daher werden erst die nächsten Monate zeigen, inwiefern sich die amerikanische Independent-Szene von dem Virus erholen wird und welche langfristigen Schäden zu erwarten sind. Alle Beteiligten versuchen nun kreativ zu werden und Geld zu sammeln – sei es über GoFundMe-Seiten oder speziellen Verkäufen von Merchandise und anderweitigen Artikeln.

Black Label Pro, als Beispiel, hat sich zudem entschlossen, ähnlich wie GCW, weitere Shows zur Streaming-Plattform „Independent Wrestling TV“ hochzuladen. Dabei handelt es sich um alte Indie-Shows aus den Jahren 2005-2007, die von Traumpaarungen nur so strotzen. Alex Shelley vs. Low-Ki, Tiger Mask IV vs. Mike Quackenbush, Larry Sweeney vs. Bryan Alvarez oder Samoa Joe vs. Eddie Kingston, um nur einige Beispiele zu nennen.

 

Fazit

In diesen tatsächlich schwierigen Zeiten gehört Pro-Wrestling weiterhin zu einer willkommenen Abwechslung und Flucht vor der Realität. Obwohl die WrestleMania-Woche natürlich fast komplett ausfällt, gibt es immer noch genug Möglichkeiten, Wrestling auf allen möglichen Kanälen zu verfolgen und somit auch die jeweiligen Wrestler*innen und Ligen zu unterstützen. Denn neben dem großen Angebot auf den bereits angesprochenen Streaming-Plattformen, kann man sich auch gut und gerne mehrere Tage in ein „Wrestling-Loch“ auf Youtube verkriechen, da die Ligen dort unglaublich viele Matches und auch komplette Shows veröffentlichen. Daher haben wir nachfolgend ein paar Links zusammengetragen, die euch in der Corona-Krise ablenken dürften und gleichzeitig die Möglichkeit gibt, eure Lieblingswrestler*innen und Promotions zu unterstützen.

 

Link-Sammlung

Streaming-Plattform „Independent Wrestling TV“, mit Indie-Ligen wie Game Changer Wrestling, Black Label Pro, ICW: New York, CHIKARA, Combat Zone Wrestling, Absolute Intense Wrestling uvm.. (monatlich 10 Dollar bzw. 9,40 Euro)

Streaming-Plattform „Highspots Wrestling Network“, mit Indie-Ligen wie Pro Wrestling Guerrilla, Warrior Wrestling, WrestleCon-Shows, zahlreichen Dokumentationen, (Shoot-)Interviews und klassischen Shows, uvm. (monatlich 9,99 Dollar, bzw. 9,17 Euro).

Live- und On-Demand Shows auf FITE, primär von Game Changer Wrestling, WrestleCon, Combat Zone Wrestling und weiteren Indie-Ligen (Preise variabel, einmalige Käufe).

Smart Mark Video, mit MP4, Blu-ray oder VHS-Käufen, neben vielen anderen Wrestling-Artikel wie Merchandise etc. (Preise variabel, einmalige Käufe).

Pro Wrestling Tees, einer der bekanntesten Merchandise-Stores für alle möglichen Wrestler*innen, die von den Käufen direkt profitieren, primär Kleidung.

Youtube-Content von Ring of Honor, mit zahlreichen Klassikern bzw. Compilations von Bryan Danielson, Kevin Steen, CM Punk, Tyler Black uvm.

Youtube-Content von Beyond Wrestling mit hochkarätigen Matches und Upload zahlreicher Klassiker aus der jüngeren Vergangenheit, unter anderem die Fehde zwischen David Starr und Joey Janela.

Youtube-Content von Game Changer Wrestling, mit Highlights aus den vergangenen Shows, auch vom letztjährigen WM-Wochenende.




1 Anwort auf „WrestleMania ohne Mania Week: Ausblick in die Zukunft – Wie geht es mit Independent-Ligen wie Game Changer Wrestling weiter?“

Kvlt sagt:

Toller Bericht. Vor allem das Thema GCW war sehr gut beschrieben.
Den Acid Cup hatte ich gesehen und war zwar etwas ungewohnt (hatte teilweise Trainingcharacter, wegen der Wrestler die als Fans um den Ring standen und saßen), aber dennoch sehr unterhaltsam. Sehr schade, dass das Wrestlemania Wochenende für die Indys ins Wasser fällt.

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