Flashback # 2: Review und Analyse zum Film „The Wrestler“

geschrieben am 28.04.14 von Silentpfluecker

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Liebe Freundinnen und Freunde der Wrestling-Geschichte,
auch dieses Mal präsentieren wir euch zur Einstimmung auf den kommenden Extrem-Rules-PPV diesen Sonntag wieder einen Rückblick auf bestimmte Ereignisse der Wrestlinggeschichte. Ursprünglich war angedacht, die Review zu „Wrestlemania II“ zu bringen, aber aufgrund des plötzlichen Todes des Ultimate Warriors haben wir uns entschlossen, die Review zu „The Wrestler“ vorzuziehen, da in diesem Film gewisse Parallelen zu dem durch einen Herzinfarkt hervorgerufenen Tod des Warriors erkennbar sind.
Wir hoffen, ihr habt mit dem Rückblick auf diesen beeindruckenden Streifen ein wenig Freunde.
REINHAUEN!

 

The Wrestler

 

Der berühmte Hirnforscher und Nobelpreisträger für Medizin, Eric Kandel, hat im Jahr 2012 ein Buch („Das Zeitalter der Erkenntnis“) veröffentlicht, in welchem er die Verknüpfung zwischen Kunst und den Funktionen des Gehirns untersuchte. Keine Angst, ich will hier niemanden mit pseudowissenschaftlichen Vorträgen verschrecken, aber als Einleitung für diese Review scheint mir der Bezug auf Kandels Buch gar nicht so abwegig. Denn dort findet sich ein Satz, der mir nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist – nämlich der folgende: „Demzufolge ruft ein Kunstwerk bei verschiedenen Betrachtern oder sogar zu verschiedenen Zeiten bei ein und demselben Betrachter unterschiedliche Reaktionen hervor.“

Dass an der zweiten Alternative des Satzes etwas dran sein musste, wurde mir am Beispiel von „The Wrestler“ bewusst. Als ich ihn im Jahr 2009 zum ersten Mal sah, war ich jemand, der Wrestling als eine Kindheitserinnerung abgehakt hatte. Diese Phase war – wie vieles in der frühen Jugend – ein Abschnitt, der natürlich irgendwo schön war, den man aber irgendwann eben einfach hinter sich gelassen hatte und über den man im Erwachsenenalter bestenfalls mit leichter Wehmut noch lächeln konnte.

Mit dieser Einstellung sah ich also einen Film, der mich in meiner damaligen Meinung über Wrestling bestärkte; einen sehr ordentlichen Film, mit einer leicht klischeehaften, stellenweise fast rührseligen Geschichte über einen abgehalfterten Wrestler, der einst berühmt war, mit dem Ruhm und dem Geld nicht klarkam – um am Ende in provinziellen Turnhallen auftreten zu müssen, um wenigstens halbwegs über Wasser zu bleiben. Zu diesem Grundthema kamen natürlich noch die obligatorischen zwischenmenschlichen und familiären Probleme, die der Protagonist schließlich nicht meistern kann, da er schon mit sich selbst überfordert ist. Zum Schluss bietet sich ihm dann doch noch die große Chance, es vielleicht ein letztes Mal nach ganz oben zu schaffen (die Parallelen zu Rocky lassen sich kaum übersehen) – und sie endet vorhersehbar tragisch.
Wie gesagt – mir gefiel der Film schon damals. Er war gut gemacht, konnte einen Mickey Rourke in Bestform aufweisen (der sich im Prinzip selbst spielte) und zeigte auch die andere Seite des Business jenseits der WWE-Glitzerwelt.
Und am Ende des Films war für den spießigen Möchtegernbildungsbürger natürlich klar: Die Moral von der Geschicht – Kindchen, Wrestling lohnt sich nicht! So weit, so platt…

Vor ein paar Tagen habe ich den Film wieder gesehen. Mittlerweile sind ungefähr fünf Jahre vergangen – und es ist viel passiert. Ich habe mich wieder dem Wrestling genähert (und kann bis heute nicht genau sagen, wieso eigentlich), schaue mehr oder weniger regelmäßig bei RAW und Smackdown rein, verfolge die PPVs, habe über Wrestling-Infos.de neue Facetten aus dem Indy-Bereich kennengelernt und viel über die alten Helden meiner Kindheit und deren Schicksal sowie über Wrestling im Allgemeinen gelesen. Und nachdem ich aus dieser neuen Perspektive „The Wrestler“ noch einmal gesehen hatte, ging mir auf, was Kandels Satz bedeutet: Ein Kunstwerk kann sich in der Tat verändern und bei ein und demselben Betrachter zu verschiedenen Zeiten verschiedene Reaktionen hervorrufen. Mir wurde klar, dass „The Wrestler“ mehr sein kann, als nur der gute Film, den ich 2009 in ihm sah. Er schafft es, die Welt des Wrestling, mit allem, was daran faszinierend und tragisch ist, in 100 spannende, lustige, traurige und zum Nachdenken anregende Minuten zu fassen. Und er zeigt, dass Wrestling eben doch deutlich mehr ist, als nur eine große ungefährliche Show.
Dies wird schon in der Szene deutlich, in welcher der von Mickey Rourke (einen besseren Hauptdarsteller für diesen Film konnte es wie bereits angedeutet gar nicht geben!) gespielte Randy „The Ram“ Robinson einen Kampf gegen einen jungen Wrestler hat. Auf den ersten Blick scheint die Szene allein das Ziel zu haben, einen abgewrackten Ex-Star zu zeigen, der in einer heruntergekommen Turnhalle für die paar Dollar, die er zum Leben braucht, wrestlen muss, weil er den Absprung in ein normales Leben nicht geschafft hat.
Wenn man die Szene so sehen will, dann ist das bestimmt nicht falsch – und man würde in einem Deutschaufsatz für diese Interpretation ziemlich sicher eine zwei, vielleicht sogar eine knappe eins bekommen. Aber wer sich ein klein wenig intensiver mit Wrestling beschäftigt und eine Leidenschaft für diesen Sport entwickelt hat, der wird in dieser Szene vielleicht etwas mehr erkennen – nämlich lebendige Indyszene, in der Menschen Wrestlingmatches bestreiten, weil sie sich aus welchen Gründen auch immer dieser Art von Sport verschrieben haben, ohne an die Konsequenzen zu denken. Sie leben Wrestling einfach – nicht mehr, nicht weniger! Die Szene kann damit vielleicht auch als ein Fingerzeig auf all das verstanden werden, was Wrestling für manche Menschen eigentlich bedeutet bzw. bedeuten kann.
Ich möchte im Folgenden nicht weiter in diese Richtung abschweifen, sondern wollte, anknüpfend an die einleitend gemachten Ausführungen, nur versuchen anzudeuten, warum man in der Eröffnungsszene entweder nur die recht klischeebehaftete Darstellung eines abgehalfterten Ex-Stars sehen kann – oder aber darüber hinausgehend auch eine Andeutung all dessen, was die Faszination des Wrestling schon im Indybereich an der Basis ausmachen kann.

Der Film selber glorifiziert das Wrestling indes in keinster Weise, sondern zeigt wie gesagt in erster Linie einige Tages im Alltag des Lebens eines Mannes, der in den 80er Jahren an der Spitze der Wrestling-Welt stand – dessen Zeit dann aber mit den Jahren ablief.
Randy Robinson, mittlerweile jenseits der 50, wohnt in einem Trailer, schleppt sich und seinen durch jahrelangen Steroidmissbrauch arg strapazierten Körper von einem Match zum anderen und versucht, sein Leben so zu leben, wie er es kennt und wie es für ihn auch nicht anders vorstellbar ist. So vergehen die Jahre – bis er nach einem Hardcore Match (die CZW-Poster hängen überall im Lockerroom) einen Herzinfarkt erleidet. Der Arzt versichert Randy, dass jedes weitere Wrestling-Match seinen Tod bedeuten könnte. Somit wird Randy gezwungen, sein Leben von einem Tag auf den anderen komplett umzustellen. Obwohl seine Welt sich gewissermaßen auf den Kopf stellt, versucht er sich dieser für ihn völlig neuen Situation zu stellen. Er stockt seinen Job im Supermarkt auf, nähert sich zwischenmenschlich der ebenfalls nicht mehr wirklich jungen Stripperin Cassidy an und versucht, den abgerissenen Kontakt zu seiner Tochter Stephanie wiederherzustellen. Und tatsächlich scheint er sich in dieser neuen Welt langsam zurecht- und in Cassidy einen Halt zu finden. Wie fragil dieser Halt indes ist, wird deutlich, als Randy von Cassidy zurückgewiesen wird, da es ihr als alleinerziehender Mutter sehr schwer fällt, sich Randy zu öffnen und ihm zu vertrauen. Er begibt sich daraufhin frustriert zu einer Wrestlingveranstaltung, feiert mit befreundeten Wrestlern (der geneigte WWE-Fan wird sofort R-Truth erkennen – auch Cesaro hat in „The Wrestler“ einen Gastauftritt) wie in alten Zeiten die Nacht durch und erwacht verkatert im Bett eines weiblichen Fans. Das vereinbarte Treffen mit seiner Tochter Stephanie, die gerade erst anfing, sich langsam gegenüber ihrem Vater zu öffnen, verschläft der noch unter Kokain stehende Randy daher. Stephanie, von Angst und panischer Ungewissheit gezeichnet, bricht daraufhin unter Tränen den Kontakt zu ihm ab – dieses Mal für immer. Damit ist Randys Welt endgültig zerbrochen, und er sagt ein bereits von ihm gecanceltes Match gegen den „Ayatollah“ (sein „Erzfeind“ aus den 80ern) doch wieder zu. Kurz vor dem Beginn dieses Matches (übrigens bei ROH ausgetragen) begegnet er Cassidy, die ihm klarmachen will, dass sie sich für ein Leben mit ihm entschieden habe. Randy hingegen entgegnet, dass er in den Ring gehören würde, weil dies die einzige Welt für ihn sei, da ihn dort die Fans lieben würden und er nur in der realen Welt verletzbar sei. Daraufhin begibt er sich zum Ring, Cassidy verlässt die Halle. Während des Kampfes fasst sich Randy immer wieder an sein Herz. Am Ende steigt er auf die Seile der Ringecke, um seinen Finishing-Move, den „Ram Jam“ (eine Art Flying-Elbow-Drop mit beiden Armen) anzusetzen. Kurz nach dem Sprung blendet die Kamera ab.

Der Hollywood-Reporter schrieb seinerzeit, dass der Film sich am Rande der Sentimentalität bewegen, aber Dank der Regie und der Schauspieler nie zu einer Schmonzette verkommen würde. Und dieser Kritik ist eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.
Es gibt so viele großartige Szenen, die eine graue und triste Atmosphäre verbreiten. Das gilt weniger für die intensive Darstellung der Matches, als vielmehr für die ruhigen Momente des Films. In ihnen ist immer ein latenter Verfall und ein Gefühl des Verlorenseins der Hauptfigur spürbar – ohne dass dabei in den Kitsch abgerutscht wird. Diesbzeüglich ist neben der beklemmenden Einsamkeit Randys im Trailer vor allem die Darstellung der Wrestling-Convention zu nennen. Die Art und Weise, in welcher die Situation der alten Helden von einst gezeigt wird, dürfte kaum jemanden kalt lassen.
Das Gleiche gilt für die Momente, in denen der tragische Versuch der Annäherung zwischen Randy und seiner Tochter Stephanie erzählt wird. Diese Szenen mögen zwar auf den ersten Blick ein wenig klischeehaft rüberkommen, aber wer die Dokumentation „Beyond the Mat“ gesehen hat, der weiß, dass hier die Lebensgeschichte von Jake „The Snake“ Roberts nahezu 1:1 erzählt wird…
Überhaupt, so klischeebehaftet viele Szenen auch sein mögen – sie alle sind trotzdem (oder sogar gerade deshalb) sehr dicht an der Wirklichkeit und zeigen, wie nahe Realität und Stereotyp beim Wrestling beieinanderliegen. Als nur ein Beispiel von vielen soll die Tatsache des Stereoid- und Kokainmissbrauchs Randys genannt sein, was letztlich auch zu seinem Herzinfarkt führte. Ein solcher Lebenswandel war bei den meisten Wrestlern in den 80ern und frühen 90ern – inklusive der späteren tödlichen Konsequenzen – an der Tagesordnung (lest mal bei Wikipedia über das Schicksal von Mr. Perfect, Rick Rude und Davey Boy Smith nach. Eine tragische Aktualität kommt gerade diesem Thema nicht zuletzt aufgrund des Todes des Ultimate Warriors zu, der ebenfalls an einem Herzinfarkt starb. Offiziell wird als Todesursache eine Arterienkrankheit angegeben – aber es gibt auch Berichte, in denen mehrfach das Wort Stereoidmissbrauch fällt).

Am Ende steht ein bemerkenswerter Film, der wie gesagt vieles von dem andeutet, was das Wrestling so besonders macht, und der vor allem auf die Schattenseiten und die hinter der Glitzerwelt stehenden Einzelschicksale derjenigen hinweisen möchte, die es nicht bis nach oben geschafft haben – oder von dort herunter fielen.
Wrestling wird meiner Meinung nach in „The Wrestler“ weder glorifiziert und verklärt, noch kritisiert und verurteilt – es wird vielmehr als Mittel zum Zweck der Darstellung einer tragischen und einfühlsam erzählten Geschichte als das gezeigt, was es nach meinem Dafürhalten auch ist: Als ein fast unmöglich zu beschreibendes Faszinosum, das man entweder spürt, lebt und atmet – oder eben nicht.

Wer das alles ganz anders sieht und in dem Film nur die ordentlich inszenierte Geschichte eines heruntergekommenen Wrestlers erkennen will – dem soll an dieser Stelle ausdrücklich nicht widersprochen werden. Denn wie eingangs erwähnt: Ein Kunstwerk kann sich für jeden Betrachter anders darstellen.

 

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3 Kommentare für Flashback # 2: Review und Analyse zum Film „The Wrestler“

  1. illuminat3000 sagt:

    Hey,

    du triffst meine Gedanken unglaublich gut in deiner Review…als ich den Film das erste Mal gesehen habe war ich fasziniert und doch verstörrt…sah Wrestling als Rahmen aber nicht als Quintessenz dieses Films…
    Es kam rüber als hätte man den Plot auch ein anderes Gewand geben können. Als würde mit Klischees gespielt und als würde Mickey das Ganze mit seiner Selbstdarstellung zu Glück noch retten.

    Dann habe ich im Winter diesen Film mal wieder gesehen…bin mittlerweile belesener und einfach reifer…habe mich viel mit dem Wrestling und vorallem der Folgen für die Sportler beschäftigt und habe es ähnlich wie du empfunden. Wie in jedem Stereotyp bzw. Klischee liegt da ein wenig Wahrheit…aber leider ist im Wrestling ein Klischee weniger ein Klischee als viel mehr die Wahrheit.
    Auch wenn es meiner Meinung nach in gewisser Weise schlüssig ist, dass man nach der Liebe der Fans mit der Zeit einfach süchtig wird und diese Aufmerksamkeit schwerlich durch etwas Anderem im Leben ersetzen kann.

    Nochmal danke für deine tolle Review und den ein oder anderen kleinen Blickwinkel. (Bezogen auf die Indys…daran habe ich noch garnicht gedacht…ist aber total schlüssig =) )

    Greetz

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  2. Silentpfluecker sagt:

    Hi illuminat3000,
    danke für Deinen Kommentar. Meine Review ist ja ziemlich subjetktiv – und jeder kann das ja so sehen, wie er es für sich empfindet.
    Aber ich finde ich es cool, dass Du den Film ähnlich siehst wie ich. 🙂
    REINHAUEN!

    (1)
  3. TroubleMaker sagt:

    Hey Silentpfluecker,
    Respekt! Sehr gute Review.
    Ich bin in ziemlich allen Punkten bei dir! Ich habe den Film damals 2009 zum ersten mal gesehen als ich 10 war und ich war halt so ein typischer kiddy-wwe-fan. Dem zufolge konnte ich mit dem Film nicht wirklich was anfangen, außer dass es dort um einen heruntergekommenen Wrestler geht. Kurz danach habe ich dann ich weiß nicht wieso so langsam aufgehört mich mit der wwe zu beschäftigen. Dieses Jahr habe ich zu Wrestlemania (weiß nich wieso) irgendwie wieder angefangen mich mit Wrestling zu beschäftigen. Ich habe mich sehr intensiv mit diesem Thema beschäftigt und bin dann auch auf eure Seite gestoßen. Nun ein dreiviertel Jahr danach habe ich eine völlig neue Vorstellung von Wrestling es ist einfach diese unbeschreibliche Faszination die einen zu diesem Sport treibt. Nun will ich diesen Film bald nochmal anschauen und ich denke ich werde ihn genau so sehen wie du hoffentlich erkenne ich dort auch alle Indy-Hinweise auf jeden Fall ein klasse Film und eine tolle Kolumne!!!

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